Dr. Claudia Nichterl - Akademie für integrative Ernährung

Das Gehirn in der Menopause: Was Lisa Mosconi über Brain Fog und Wechseljahre zeigt

Aug 20, 2026

Du gehst in einen Raum und weißt plötzlich nicht mehr, was du dort eigentlich wolltest. Ein Name, den du seit Jahren kennst, liegt dir auf der Zunge und will trotzdem nicht heraus. Du liest eine Seite und merkst am Ende, dass du kaum etwas davon aufgenommen hast. Viele Frauen erleben genau solche Momente rund um die Wechseljahre. Und irgendwann kommt die Frage: Ist das jetzt einfach das Alter?

Als ich Dr. Lisa Mosconis erstes Buch Das weibliche Gehirn gelesen habe, hat mich vor allem eine Frage beschäftigt: Was können Frauen selbst für ihre langfristige Gehirngesundheit tun? Schon damals fand ich spannend, wie selbstverständlich Mosconi Gehirnforschung mit Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stress und Lebensstil verbindet. Viele ihrer Empfehlungen decken sich mit dem, was wir in der integrativen Ernährung seit vielen Jahren vermitteln. In meinem damaligen Buchtipp habe ich deshalb ausführlich darüber geschrieben, wie Ernährung unsere Gehirngesundheit unterstützen kann und welche Rolle sie in der Demenzprävention spielt.

Auch die Wechseljahre beschäftigen uns in der Akademie schon lange. In meinem Artikel „Wechseljahre sind keine Krankheit“ geht es um die hormonelle Umstellung, typische Beschwerden, Ernährung und die Perspektive der TCM. Mit Dr. Lisa Mosconis Buch Das Gehirn in der Menopause kommt für mich jetzt ein weiteres wichtiges Puzzleteil dazu: Was passiert eigentlich während dieser Zeit in unserem Gehirn?

 

Was passiert in den Wechseljahren im Gehirn?

Lisa Mosconi nähert sich der Menopause als Neurowissenschaftlerin. Genau das macht ihr Buch für mich so spannend, denn unser Gehirn und unsere Eierstöcke arbeiten nicht unabhängig voneinander. Sie sind über das neuroendokrine System miteinander verbunden. Hormone wirken als Botenstoffe und beeinflussen zahlreiche Vorgänge im Körper und im Gehirn.

Dieses Zusammenspiel begleitet Frauen über viele Jahrzehnte, von der Pubertät über mögliche Schwangerschaften bis zu den Wechseljahren. Wenn sich während der Menopause die hormonelle Situation verändert, reagiert deshalb auch das Gehirn darauf. Mosconis Bildgebungsstudien zeigen Unterschiede in Gehirnstruktur, Konnektivität und Energiestoffwechsel zwischen Frauen vor, während und nach dem menopausalen Übergang.

Damit bekommen Beschwerden, die viele Frauen sehr gut kennen, eine zusätzliche Erklärung: Brain Fog, Konzentrationsprobleme, Wortfindungsstörungen, Veränderungen des Gedächtnisses, schlechter Schlaf, Erschöpfung oder Stimmungsschwankungen. Die Menopause ist damit auch eine Phase neurologischer Veränderung.

Brain Fog in den Wechseljahren ist keine Einbildung

„Ich kann mich nicht mehr so gut konzentrieren.“ „Mir fehlen plötzlich Wörter.“ „Ich weiß genau, dass ich etwas erledigen wollte, aber ich komme einfach nicht darauf.“ Solche Aussagen höre ich immer wieder von Frauen in der Lebensmitte.

Lisa Mosconi spricht in diesem Zusammenhang von „Cognitive Fatigue“, einer Form kognitiver Erschöpfung. Im Interview beschreibt sie, wie Frauen davon berichten, dass es schwerer wird, Gedanken zu sammeln, Dinge abzurufen, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen oder überhaupt gut durch den Tag zu kommen. Sie verbindet diese Beobachtungen mit der aktuellen Forschung zu Veränderungen der Energieversorgung im Gehirn.

Auch Mosconis frühere Bildgebungsstudien zeigen Veränderungen im Energiestoffwechsel des Gehirns während der menopausalen Transition. Gleichzeitig ist mir an dieser Stelle eine Einschränkung wichtig: Wir beginnen gerade erst, viele dieser Zusammenhänge genauer zu verstehen. Die Forschung zum weiblichen Gehirn und zur Menopause ist noch erstaunlich jung. Deshalb sollten wir aus einzelnen neuen Ergebnissen keine schnellen Patentrezepte ableiten.

Für Frauen, die sich selbst plötzlich als weniger konzentriert oder leistungsfähig erleben, ist diese Forschung trotzdem bedeutsam. Sie zeigt: Es lohnt sich, solche Veränderungen ernst zu nehmen und genauer hinzuschauen.

Baut das Gehirn in der Menopause ab?

Einer der Gedanken von Lisa Mosconi hat mich besonders beschäftigt. Sie vergleicht die Menopause mit anderen großen hormonellen Übergängen im Leben einer Frau, etwa Pubertät und Schwangerschaft. Auch in diesen Phasen verändert und reorganisiert sich das Gehirn.

Bei der Pubertät akzeptieren wir ganz selbstverständlich, dass sich im Gehirn enorm viel tut. Auch aus der Schwangerschaft wissen wir mittlerweile, dass die Veränderungen weit über den wachsenden Bauch hinausgehen. Bei den Wechseljahren denken wir dagegen sehr schnell an Verlust: weniger Hormone, weniger Fruchtbarkeit und vielleicht auch weniger Leistungsfähigkeit.

Mosconi eröffnet hier eine andere Perspektive. In ihrem Interview spricht sie von einer „Neuverkabelung“ des Gehirns und betont, dass Veränderungen nicht automatisch mit einem generellen Verlust kognitiver Fähigkeiten gleichgesetzt werden sollten. Auch neuere Forschungsarbeiten beschreiben die Perimenopause als Phase neuronaler Reorganisation, wobei noch viel darüber zu lernen ist, wie sich diese Veränderungen individuell entwickeln.

Veränderung ist nicht automatisch Verfall. Dieser Unterschied gefällt mir an Mosconis Zugang besonders gut.

Verletzlichkeit und Resilienz gehören zusammen

Für mich ist das vielleicht die stärkste Botschaft aus Mosconis Buch: Die Veränderungen in dieser Lebensphase haben zwei Seiten, Verletzlichkeit und Resilienz. Über die Verletzlichkeit sprechen wir viel. Über Hitzewallungen, schlechten Schlaf, Brain Fog, Erschöpfung und Stimmungsschwankungen.

Mosconi lenkt unseren Blick gleichzeitig auf die bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit des Gehirns. Und hier musste ich sofort an ein Bild denken, das ich schon in meinem Artikel über Ernährung und Wechseljahre verwendet habe: In der Traditionellen Chinesischen Medizin wird die Lebensmitte gerne als eine Phase betrachtet, in der Frauen beginnen, den Drachen zu reiten.

Prioritäten können sich verschieben, neue Energien werden frei und viele Frauen wissen plötzlich sehr viel deutlicher, was sie möchten und womit sie ihre Zeit nicht mehr verbringen wollen. Mosconi verweist in einem Interview ebenfalls darauf, dass Untersuchungen eine höhere Lebenszufriedenheit nach der Menopause zeigen können.

Beides darf nebeneinander bestehen: Diese Zeit kann herausfordernd sein und gleichzeitig Entwicklung ermöglichen.

Warum erlebt jede Frau die Menopause anders?

Es gibt nicht die eine Menopause. Manche Frauen haben starke Hitzewallungen und Schlafprobleme, andere erleben vor allem Stimmungsschwankungen. Manche kämpfen mit Brain Fog und Erschöpfung, andere kommen vergleichsweise problemlos durch diese Jahre.

Mosconi beschäftigt genau diese Frage: Warum leiden manche Frauen deutlich stärker unter hormonellen Übergängen als andere? Auch ihre Forschung zeigt, dass noch vieles über individuelle Unterschiede und die Bedeutung von Östrogenrezeptoren im Gehirn zu klären ist. Eine 2024 veröffentlichte Studie ihres Teams konnte erstmals Östrogenrezeptoren im lebenden menschlichen Gehirn über verschiedene Stadien der Menopause hinweg untersuchen und fand Zusammenhänge mit kognitiven und emotionalen Symptomen.

Für mich zeigt sich hier einmal mehr, warum pauschale Gesundheitsempfehlungen zu kurz greifen. Genetik, Stoffwechsel, gesundheitliche Vorgeschichte, Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stressbelastung und die persönliche Lebenssituation können zusammenspielen.

Genau diese Individualität ist auch ein Grundgedanke der integrativen Ernährungsberatung. Die entscheidende Frage lautet deshalb für mich nicht einfach: „Was hilft in den Wechseljahren?“, sondern viel konkreter: Was braucht diese Frau in ihrer aktuellen Situation?

Was können Frauen selbst für ihr Gehirn tun?

Spätestens hier schließt sich für mich der Kreis zu Mosconis erstem Buch. Denn wenn sich unser Gehirn während der Menopause an eine neue hormonelle Situation anpasst, stellt sich natürlich die Frage, wie wir es dabei unterstützen können.

Mosconi nennt unter anderem Bewegung und Fitness, Spaziergänge, Stressreduktion, Meditation, antioxidativ wirkende Pflanzenstoffe und eine pflanzenbetonte Ernährung. Sie spricht außerdem über medizinische und therapeutische Möglichkeiten.

Dabei ist diese Botschaft ganz wichtig: Unser Gehirn ist Teil eines komplexen Systems.

Schlechter Schlaf beeinflusst Konzentration und Stimmung. Bewegung wirkt auf Stoffwechsel und Gehirngesundheit. Unsere Ernährung liefert Energie, Eiweiß, Fettsäuren, Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. Stress beeinflusst wiederum viele körperliche und psychische Prozesse. Genau deshalb brauchen wir einen integrativen Blick, wenn wir Frauen durch diese Lebensphase begleiten.

Ernährung und Gehirngesundheit: Was wir bereits wissen

In meinem ersten Artikel zu Lisa Mosconi habe ich ausführlich über die Rolle der Ernährung für unsere Gehirngesundheit geschrieben. Dort findest du Informationen zu mediterran geprägter Ernährung, Gemüse, Hülsenfrüchten, hochwertigen Fetten, Omega-3-Fettsäuren, Ballaststoffen und Phytoöstrogenen.

👉 Hier kannst du meinen ersten Buchtipp zu Lisa Mosconi und Ernährung für ein gesundes Gehirn weiterlesen.

Für die Lebensphase der Menopause habe ich Ernährung und TCM noch einmal konkreter zusammengefasst.

👉 Hier findest du meine Ernährungstipps für die Wechseljahre inklusive Rezeptideen.

Was Mosconis neues Buch für mich ergänzt, ist die Erklärung, warum diese Lebensphase auch aus Sicht des Gehirns besondere Aufmerksamkeit verdient. Ernährung wird dadurch nicht unwichtiger, sie bekommt ihren Platz als ein Baustein in einem größeren Bild.

Und was ist mit Hormonen?

Ein weiterer Schwerpunkt bei Lisa Mosconi ist die Hormonersatztherapie. Dieses Thema wurde über viele Jahre sehr kontrovers diskutiert, und auch die Forschung entwickelt sich weiter. Mosconi selbst spricht sich im Interview gegen eine pauschale Empfehlung aus und plädiert für eine individuellere Betrachtung. Aktuelle wissenschaftliche Übersichten betonen ebenfalls, dass mögliche Wirkungen einer menopausalen Hormontherapie unter anderem vom Zeitpunkt des Beginns, dem Alter, der Zeit seit der Menopause und der verwendeten Formulierung abhängen können.

Das finde ich wichtig. Eine Frau mit starken Beschwerden braucht möglicherweise eine andere Unterstützung als eine Frau mit milden Symptomen. Alter, Zeitpunkt, gesundheitliche Vorgeschichte und individuelle Risiken gehören in eine ärztliche Abklärung.

Ernährung kann viel beitragen, sie ersetzt keine notwendige medizinische Diagnostik oder Therapie. Genauso wenig sollte eine medizinische Behandlung Ernährung, Bewegung, Schlaf und Stressregulation ausblenden. Diese Ebenen dürfen zusammengedacht werden.

Was mich an „Das Gehirn in der Menopause“ besonders überzeugt

Ich mag Bücher, nach deren Lektüre ich bekannte Dinge plötzlich aus einer neuen Perspektive sehe. Das Gehirn in der Menopause ist für mich so ein Buch.

Lisa Mosconi nimmt die Erfahrungen von Frauen ernst und verbindet sie mit einer Forschungswelt, die viele dieser Fragen lange kaum untersucht hat. Gleichzeitig reduziert sie Frauen nicht auf Beschwerden und Defizite. Unser Gehirn besitzt eine enorme Fähigkeit zur Anpassung, und genau diese Seite der Menopause kommt in der öffentlichen Diskussion für meinen Geschmack noch viel zu kurz.

Für mich ist das eine wesentlich hilfreichere Perspektive als die Vorstellung, mit der Menopause beginne automatisch der geistige Abstieg.

Von „Das weibliche Gehirn“ zum „Gehirn in der Menopause“

Als ich 2022 Lisa Mosconis Das weibliche Gehirn vorgestellt habe, stand für mich vor allem die langfristige Gehirngesundheit im Mittelpunkt: Was können wir heute tun, damit unser Gehirn möglichst lange gesund bleibt?

Später habe ich mich ausführlicher mit der Frage beschäftigt, wie wir Frauen mit Ernährung und TCM durch die Wechseljahre begleiten können. Mosconis neues Buch verbindet für mich diese beiden Themen. Jetzt lautet die Frage: Was passiert während dieses hormonellen Übergangs eigentlich im Gehirn?

Genau deshalb empfinde ich Das Gehirn in der Menopause als logische Fortsetzung. Es verbindet Hormone, Gehirn, Lebensstil und eine Frage, die mich schon lange beschäftigt: Wie können wir als Frauen gesund älter werden und dabei möglichst viel selbst mitgestalten?

Die Lebensmitte braucht einen integrativen Blick

Vielleicht ist genau das meine wichtigste Erkenntnis aus diesem Buch: Je mehr wir über die Wechseljahre erfahren, desto weniger sinnvoll erscheint es, diese Lebensphase auf einen einzelnen Hormonwert, ein Symptom oder eine Ernährungsregel zu reduzieren.

Hormone und Gehirn stehen miteinander in Verbindung. Schlaf beeinflusst unsere Leistungsfähigkeit. Ernährung stellt Energie und Baustoffe bereit. Bewegung ist für Stoffwechsel und Gehirngesundheit relevant. Stress wirkt auf Körper und Psyche. Und jede Frau bringt ihre eigene Geschichte, ihren eigenen Körper und ihre eigene Lebenssituation mit.

Für mich bestätigt Lisa Mosconis Buch deshalb etwas, das mich in meiner Arbeit seit vielen Jahren begleitet: Wir brauchen in der Lebensmitte einen integrativen Blick auf Gesundheit.

Wissen über unseren Körper soll uns dabei helfen, Zusammenhänge besser zu verstehen und gute Entscheidungen zu treffen. Vielleicht dürfen wir deshalb auch unsere Sprache rund um die Menopause verändern und weniger darüber sprechen, was Frauen in dieser Zeit alles verlieren. Spannender finde ich die Frage: Was verändert sich, was braucht Unterstützung und was können wir selbst beeinflussen?

Vielleicht geht es tatsächlich darum, den Drachen reiten zu lernen. Mit Wissen, Eigenverantwortung und guter Begleitung. Und mit dem Vertrauen darauf, dass unser Gehirn wesentlich anpassungsfähiger ist, als wir lange gedacht haben.

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Dr. Claudia Nichterl

Dr. Claudia Nichterl

Gründerin der Akademie für integrative Ernährung


Mit einer beidseitigen Hüftluxation 1967 geboren. Mehrere Operationen, Metallplatten, Bandscheibenvorfall mit 17 – und Ärzte, die mir sagten: „Mit 30 brauchen Sie ein künstliches Hüftgelenk." Mit 22 drohte die Frühpension.

Ich ließ das nicht mit mir machen. Ich studierte Ernährungswissenschaften, promovierte – und entdeckte in Mexiko die Kraft der Traditionellen Chinesischen Medizin. Plötzlich ergab alles Sinn: wie Körper, Geist und Alltag ineinandergreifen. Wie Ernährung weit mehr ist als Kalorien, Eiweiß, Fett und Vitamine.

Mit meiner seit 1985 erprobten und laufend weiterentwickelten Methode der integrativer Ernährung konnte ich die vorausgesagte Hüftoperation um mehr als 20 Jahre hinauszögern.

In über 8.000 Beratungen durfte ich erleben, was Essen wirklich kann. Heute bilde ich Frauen aus, die das Gesundheitssystem verändern möchten – denen bewusst ist, welch großer Hebel Ernährung ist. Mehr als 500 Frauen und einige Männer habe ich ausgebildet, die es heute täglich in ihrer Praxis beweisen. Meine Autorin von 34+ Koch- und Fachbücher sind in Arztpraxen genauso zu finden wie in Privathaushalten.

Ich bin überzeugt: Der klügste Hebel im Gesundheitssystem liegt auf dem Teller.

„Der Mund ist das Tor zur Gesundheit."
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